Familienalltag ist echt nicht immer leicht. Mit Job, Schule, Kita und Mini-Stresssachen: immer mehr Spielsachen, Papierkram wächst, Kinderkleidung wird zu klein.
Ich kenne das Gefühl so gut: du machst eine Schublade auf, erschrickst kurz, legst irgendwas schnell rein und machst sie wieder zu. Dabei flüstert deine innere Stimme: „Eigentlich müsste ich hier mal aussortieren…“
Aber wenn es wirklich so weit ist, wird’s verdammt schwierig. Auf einmal kommen so viele Gedanken- Karussell und Gefühle:
- Früher hab ich das so geliebt.
- Vielleicht brauche ich es doch nochmal.
- Das war mal so teuer.
- Was, wenn ich’s bereue?
- So ein Einzelstück kriege ich nie wieder.
- Das erinnert mich an … das kann ich nicht weggeben.
- Das hat mir XY geschenkt, ich fühle mich verpflichtet.
- Irgendwann repariere ich es.
Tja…dann bleibt da stehen, wo man angefangen hat. Ich sag dir ehrlich: das ist ein ganz normales Gefühl. Ich verstehe das so gut, weil wir es nie gelernt haben, wie Aussortieren wirklich geht. Wir haben nie gelernt, unseren Besitz nach unseren Bedürfnissen zu sehen. Unsere Konsumgesellschaft erzählt uns ständig, dass „mehr“ gleich „besser“ ist.
Was bedeutet eigentlich „Ausmisten“?
Wenn wir von Ausmisten sprechen, meinen wir mehr als nur schnelles „Aufräumen“ (Kram von A nach B räumen). Es geht darum, Dinge bewusst durchzusehen, Entscheidungen zu treffen und das loszulassen, was wir nicht mehr brauchen oder was uns keine Freude mehr bereitet.
Man unterscheidet zwischen ausmisten und loslassen:
- Ausmisten ist der praktische Prozess – Schrank öffnen, Teil in die Hand nehmen, Entscheidung treffen.
- Loslassen ist der innere Prozess – die Erinnerungen, Schuldgefühle oder Ängste loswerden, die an den Dingen hängen.
Im Prinzip ist das ganze Leben ein Prozess des Loslassens: eine unbeliebte Arbeit, Gegenstände, Beziehungen etc. und am Ende das Leben selbst.
Beides gehört zusammen: Ohne Loslassen bleibt das Ausmisten stecken. Und ohne den konkreten Schritt des Ausmistens bleibt Loslassen ein schöner Gedanke – aber ohne Platzgewinn im Alltag.
Wirkliches Aussortieren in der Tiefe ist ein Marathon. Es braucht Zeit und Geduld. Denn was passiert, wenn wir „einfach mal schnell“ ein paar Dinge oberflächlich aussortieren? Der Schrank ist bald wieder voll, die Unordnung zurück und wir stehen wieder am Anfang.
Warum fällt es Familien so schwer, loszulassen?
Studien zeigen: Unordnung verstärkt Stress, kostet Zeit und führt sogar zu Spannungen im Familienleben (Roster, Ferrari & Jurkat, 2016). Trotzdem fällt es uns schwer, uns von Dingen zu trennen. Unser Gehirn behandelt Besitz oft wie einen Teil von uns selbst (Shu & Peck, 2011) – deshalb fühlt sich Loslassen manchmal fast wie Schmerz an.
Dieser Schmerz ist echt. Er entsteht aus alten Erfahrungen, Gewohnheiten und Erinnerungen. Und genau das macht Ausmisten so schwer. Es gibt verschiedene Gründe:
Emotionale Gründe
- Erinnerungen („Das war die selbstgemachte Schaukel von meiner Oma“): Dinge stehen für Menschen oder Momente, die uns wichtig sind. Wenn wir sie weggeben, haben wir Angst, auch die Person oder das Erlebnis zu verraten.
- Schuldgefühle („Das war teuer“ oder „Das habe ich geschenkt bekommen“): Wir fühlen uns verpflichtet, Dinge zu behalten – selbst wenn wir sie nie benutzen.
- Entscheidungen aufschieben: Jedes Teil, das wir nicht aussortieren, ist eigentlich eine vertagte Entscheidung. Sich damit auseinanderzusetzen, braucht einen klaren Rahmen.
Praktische Gründe
- Kaum Zeit für stundenlange Aktionen.
- Viel Energie für Reparieren, Verkaufen oder Spenden.
- Oft fehlt auch die Klarheit: Wohin mit den Dingen? (besonderes mit dem Kleinkram)
Gesellschaftliche Gründe
- Konsumdruck: Werbung weckt künstliche Bedürfnisse, „Sale“-Aktionen setzen uns unter FOMO-Druck (Jetzt oder nie!). Das Kaufen macht kurzfristig glücklich, aber die Dinge bleiben liegen.
- Vergleich mit anderen: Auf Social Media oder im Bekanntenkreis wirkt es oft so, als hätten andere Familien alles perfekt sortiert. Das setzt uns zusätzlich unter Druck.
Soziale Gründe:
- Unterschiedliche Bedürfnisse in der Familie: Kinder wollen vieles behalten („Das ist mein Schatz!“), während Eltern mehr Platz und Ordnung wollen.
Finanzielle Gründe:
- „Ich kann es mir nicht leisten, etwas wegzugeben“: Teure Anschaffungen oder Dinge, die „vielleicht nochmal gebraucht werden“, wirken wie eine Sicherheitsreserve, auch wenn sie in Wahrheit nur Platz blockieren.
Was hilft Eltern, leichter loszulassen?
- Anerkennen: Ausmisten ist emotional – und nicht einfach! Der erste Schritt ist, das eigene Verhalten zu reflektieren und anzuerkennen: Unordnung sagt nichts über dich als Mensch. Du bist okay. Es ist einfach viel im Leben passiert. Bitte mach dir keine Schuldgefühle.
- Kleine Schritte: Statt „ein Wochenende für alles“ lieber 10–15 Minuten am Tag. Fang z. B. mit der kleinen Kommode im Flur an. Oder schau die Kinderkleidung durch, die schon zu klein ist (und lass deine Kinder vielleicht selbst mitentscheiden). Wenn du ein größeres Projekt starten willst: Termin im Kalender eintragen, so verbindlich wie einen Arzttermin. Plane dabei ca. 20 % mehr Zeit ein, als du denkst. Und überlege vorher, wohin die aussortierten Sachen kommen (Spende, eBay Kleinanzeigen, an Freunde verschenken etc.). Wichtig: nicht ewig liegen lassen, sonst holst du sie vielleicht zurück. Und: gut schlafen, essen, Pausen machen – das ist auch Arbeit!
- Klare Fragen: „Braucht mein Kind das jetzt wirklich?“ – „Tut mir dieser Gegenstand gut?“ – „Wenn ich ihn weggebe, wie teuer wäre es, ihn neu zu kaufen?“ – „Kann ich ihn vielleicht ausleihen?“ – „Würde er jemand anderem Freude machen?“
- Unterstützung: Du musst es nicht allein schaffen. Hol dir Hilfe – ob Ordnungscoach (wie mich 😉), Freund:in oder Familie. Ausmisten kostet viel Energie, weil du in kurzer Zeit viele Entscheidungen triffst. Jemand an deiner Seite kann sehr entlastend sein.
- Mein persönlicher Tipp als Mama: kleine Routinen etablieren. Ich habe das Ausmisten und Loslassen bei mir angefangen und irgendwann hat meine Tochter das übernommen. Heute bringt sie mir von allein Kleidung, die nicht mehr passt, und entscheidet auch beim Spielzeug, was wir weggeben. Unser kleines Ritual: eins rein, eins raus.
Also das Ausmisten ist mehr als eine Handlung. Es ist eine emotionale Reise zurück zu deinen Erfahrungen und Erlebnissen. Eine Reise, die dich von der Vergangenheit zu deiner heutigen Realität bringt: zu deinem heutigen Ich, zu deinen Hobbys, Gefühlen und Bedürfnissen.
Fang dort an, wo es für dich gerade leicht möglich ist. Sei geduldig mit dir. Erlaub dir, es so zu tun, wie es gerade in deine Kapazitäten passt. Und du musst es nicht allein schaffen. Weniger Dinge bedeuten nicht nur weniger Chaos. Sie bedeuten Leichtigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung für dich und deine Familie.
